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Einführung

Ein lineares Gleichungssystem (LGS) besteht aus mehreren linearen Gleichungen, die alle zugleich erfüllt sein sollen. In diesen Gleichungen treten eine oder mehrere Unbekannte auf. Ein einfaches Beispiel ist das folgende LGS mit den Unbekannten $x$ und $y$:

\[\begin{align} x + 2y &= 21 \\ 4x - 2y &= -6 \end{align}\]

Die typische Fragestellung besteht darin, LGS zu lösen. Das bedeutet, Werte für die Unbekannten zu bestimmen, sodass alle Gleichungen des Systems gleichzeitig erfüllt sind. Im vorliegenden Beispiel sind also die Werte von $x$ und $y$ zu berechnen, die beide Gleichungen zugleich korrekt machen.

LGS finden weitreichend Anwendungen:

  • PageRank-Algorithmus – zur Berechnung der Bedeutung von Webseiten im Google-Suchranking.
  • Stromnetzberechnung – zur Bestimmung von Strömen und Spannungen in elektrischen Netzwerken.
  • Gleichgewichtsanalysen in der Ökonomie – zur Ermittlung von Preisen und Produktionsmengen in Märkten mit mehreren Gütern.
  • Bildverarbeitung – zur Rekonstruktion oder Filterung von Bildern, etwa bei Rauschunterdrückung.
  • Physikalische Modelle – z. B. bei Kräften im statischen Gleichgewicht oder bei der Berechnung von Schnittpunkten von Ebenen.
  • Computergraphik – zur Berechnung von Transformationen, Projektionen oder Beleuchtungseffekten in 3D-Szenen.
  • Chemische Reaktionsgleichungen – zur Bestimmung der stöchiometrischen Koeffizienten bei der Reaktionsbilanzierung.

Lösungsverfahren

Wir sehen, dass im obigen Beispiel $x$ und $y$ nicht direkt berechnet werden können, da in jeder Gleichung zwei Unbekannte auftreten. Um ein solches LGS nun nach $x$ und $y$ auflösen zu können, gibt es verschiedene Verfahren. Die Grundidee ist immer, die Gleichungen so zu kombinieren, dass nur noch eine Unbekannte in einer Gleichung auftritt. Diese Unbekannte kann dann bestimmt werden, und in der Folge auch die übrigen Unbekannten.

Wir zeigen die drei klassischen Verfahren am LGS

\[\begin{align*} I:\quad & 2x + y = 13 \\ II:\quad & 3x - y = 7 \end{align*}\]

Gleichsetzungsverfahren

Beim Gleichsetzungsverfahren lösen wir beide Gleichungen nach derselben Unbekannten auf und setzen die Ergebnisse gleich. Hier lösen wir beide Gleichungen nach $y$ auf:

\[\begin{align*} I:\quad & 2x + y = 13 \Rightarrow y = 13 - 2x \\ II:\quad & 3x - y = 7 \Rightarrow y = 3x - 7 \end{align*}\]

Gleichsetzen der beiden rechten Seiten liefert eine Gleichung mit nur einer Unbekannten:

\[13 - 2x = 3x - 7 \;\Rightarrow\; 20 = 5x \;\Rightarrow\; x = 4.\]

Eingesetzt in eine der Ausgangsgleichungen, etwa $I$, folgt $2\cdot 4 + y = 13$, also $y = 5$.

Einsetzungsverfahren

Beim Einsetzungsverfahren lösen wir eine Gleichung nach einer Unbekannten auf und setzen den Ausdruck in die andere Gleichung ein. Aus $II$ erhalten wir $y = 3x - 7$. Einsetzen in $I$ ergibt:

\[2x + (3x - 7) = 13 \;\Rightarrow\; 5x - 7 = 13 \;\Rightarrow\; 5x = 20 \;\Rightarrow\; x = 4.\]

Mit $x = 4$ folgt $y = 3\cdot 4 - 7 = 5$.

Additionsverfahren

Beim Additionsverfahren werden die Gleichungen (ggf. nach geeigneter Multiplikation) so addiert oder subtrahiert, dass eine Unbekannte herausfällt. Im Beispiel heben sich die $y$-Terme bereits direkt auf:

\[I + II:\quad (2x + y) + (3x - y) = 13 + 7 \;\Rightarrow\; 5x = 20 \;\Rightarrow\; x = 4.\]

Einsetzen in $I$ liefert wieder $2\cdot 4 + y = 13$, also $y = 5$.

Gauß-Algorithmus

Der Gauß-Algorithmus ist im Grunde eine systematische Erweiterung des Additionsverfahrens. Durch geschickte Umformungen der Gleichungen wird das System schrittweise vereinfacht, bis sich die Lösungen direkt berechnen lassen.

Die Stärke des Gauß-Algorithmus liegt darin, dass er grundsätzlich für beliebig viele Gleichungen und Unbekannte anwendbar ist. Der Einfachheit halber verzichten wir dabei meist auf die Bezeichnung der Unbekannten und stellen das Gleichungssystem stattdessen in einer übersichtlichen Matrixform dar. Diese Matrixform erhalten wir, indem wir die Unbekannten und Rechenoperationen auslassen, die Koeffizienten müssen dabei konsequent untereinander geschrieben werden. Aus dem LGS

\[\begin{align*} a_{11}x_1 + a_{12}x_2 + a_{13}x_3 &= b_1 \\ a_{21}x_1 + a_{22}x_2 + a_{23}x_3 &= b_2 \\ a_{31}x_1 + a_{32}x_2 + a_{33}x_3 &= b_3 \end{align*}\]

wird so beispielsweise

\[\begin{pmatrix} a_{11} & a_{12} & a_{13} & | & b_1\\ a_{21} & a_{22} & a_{23} & | & b_3\\ a_{31} & a_{32} & a_{33} & | & b_3 \end{pmatrix}\]

Im Anschluss wird diese Matrix mit Hilfe der sogenannten elementaren Zeilenumformungen in eine obere Dreiecksform überführt, das heißt in eine Matrix, bei der alle Elemente unterhalb der Diagonalen gleich null sind. Diese elementaren Zeilenumformungen sind:

  • Vertauschen zweier Zeilen
  • Multiplizieren einer Zeile mit einem von null verschiedenen Faktor
  • Addieren oder Subtrahieren eines Vielfachen einer Zeile zu einer anderen Zeile

Das folgende interaktive Beispiel zeigt das Vorgehen am LGS

\[\begin{align*} x_1 + 2x_2 + 3x_3 &= 6 \\ 2x_1 + 3x_2 + x_3 &= 6 \\ 3x_1 + x_2 + 2x_3 &= 6 \end{align*}\]

Klicke auf „weiter”, um schrittweise die rechts notierten Zeilenumformungen anzuwenden, bis die Matrix in Zeilenstufenform vorliegt.

Das folgende Beispiel zeigt den Fall, in dem zu Beginn ein Zeilentausch nötig ist, um in der linken oberen Ecke eine Zahl ungleich Null zu erhalten.

Lösungsarten

Bisher haben wir nur LGS mit genau einer Lösung betrachtet. Es gibt aber auch den Fall, dass keine oder unendliche viele Lösungen vorliegen. Dazu betrachten wir die folgenden drei Beispiele, in denen die LGS bereits in Matrixform vorliegen.

Beispiel 1: Eine eindeutige Lösung

\[\begin{pmatrix} 1 & 0 & 3 & | & 9\\ 2 & 2 & 1 & | & 10\\ 3 & 4 & 3 &| & 19 \end{pmatrix} \quad \begin{matrix} \\ II-2\cdot I\\ III-3\cdot I \end{matrix}\] \[\begin{pmatrix} 1 & 0 & 3 & | & 9\\ 0 & 2 & -5 & | & -8\\ 0 & 4 & -6 &| & -8 \end{pmatrix} \quad \begin{matrix} \\ \\ III-2\cdot II \end{matrix}\] \[\begin{pmatrix} 1 & 0 & 3 & | & 9\\ 0 & 2 & -5 & | & -8\\ 0 & 0 & 4 &| & 8 \end{pmatrix} \quad \begin{matrix} \\ \\ \quad\quad\quad\quad\quad \end{matrix}\]

Ausgeschrieben erhalten wir:

\[\begin{align*} III:\quad & 4x_3=8 \Rightarrow x_3=2\\ II:\quad & 2x_2-5\cdot 2=-8 \Rightarrow x_2=1\\ I:\quad & x_1+0\cdot 1+3\cdot 2 = 9 \Rightarrow x_1=3\\ \end{align*}\]

Das LGS hat also die eindeutige Lösung $x_1=3$, $x_2=1$ und $x_3=2$.

Beispiel 2: Keine Lösung

\[\begin{pmatrix} 1 & 2 & 1 & | & 3\\ 2 & 3 & 1 & | & 2\\ 5 & 8 & 3 &| & 4 \end{pmatrix} \quad \begin{matrix} \\ II-2\cdot I\\ III-5\cdot I \end{matrix}\] \[\begin{pmatrix} 1 & 2 & 1 & | & 3\\ 0 & -1 & -1 & | & -4\\ 0 & -2 & -2 &| & -11 \end{pmatrix} \quad \begin{matrix} \\ \\ III-2\cdot II \end{matrix}\] \[\begin{pmatrix} 1 & 2 & 1 & | & 3\\ 0 & -1 & -1 & | & -4\\ 0 & 0 & 0 &| & -3 \end{pmatrix} \quad \begin{matrix} \\ \\ \quad\quad\quad\quad\quad \end{matrix}\]

Ausgeschrieben erhalten wir:

\[\begin{align*} III:\quad & 0=-3 \Rightarrow \text{falsche Aussage}\\ \end{align*}\]

Das LGS hat also keine Lösung.

Beispiel 3: Unendlich viele Lösungen

\[\begin{pmatrix} 1 & 2 & 1 & | & 3\\ 2 & 3 & 1 & | & 2\\ 5 & 8 & 3 &| & 7 \end{pmatrix} \quad \begin{matrix} \\ II-2\cdot I\\ III-5\cdot I \end{matrix}\] \[\begin{pmatrix} 1 & 2 & 1 & | & 3\\ 0 & -1 & -1 & | & -4\\ 0 & -2 & -2 &| & -8 \end{pmatrix} \quad \begin{matrix} \\ \\ III-2\cdot II \end{matrix}\] \[\begin{pmatrix} 1 & 2 & 1 & | & 3\\ 0 & -1 & -1 & | & -4\\ 0 & 0 & 0 &| & 0 \end{pmatrix} \quad \begin{matrix} \\ \\ \quad\quad\quad\quad\quad \end{matrix}\]

Ausgeschrieben erhalten wir:

\[\begin{align*} III:\quad & 0\cdot x_3=0 \\ & \text{Wir sehen, dass jede beliebige reelle Zahl eine Lösung für $x_3$ ist. Formal schreiben wir dafür $x_3=t$ mit $t\in\mathbb{R}$.}\\ II:\quad & -x_2-t=-4 \Rightarrow -x_2=t-4 \Rightarrow x_2=4-t\\ I:\quad & x_1+2(4-t)+t=3 \Rightarrow x_1+8-2t+t=3 \Rightarrow x_1=t-5 \end{align*}\]

Das LGS hat also die unendlich vielen Lösungen $x_1=t-5$, $x_2=4-t$ und $x_3=t$, wobei $t$ eine beliebige reelle Zahl ist.

Statt $x_3$ hätten wir hier auch $x_1$ oder $x_2$ gleich $t$ setzen können. Die Gestalt der Lösung sähe dann anders aus, die Menge der Lösungen ist aber stets gleich.

Zusammenfassung

LGS können die drei folgenden Arten von Lösungen haben:

  1. Eine eindeutige Lösung
  2. Keine Lösung
  3. Unendlich viele Lösungen

Allgemeine Systeme

Im Allgemeinen muss in einem LGS die Anzahl der Unbekannten nicht mit der Anzahl der Gleichungen übereinstimmen. Wir nennen LGS mit mehr Unbekannten als Gleichungen unterbestimmt und LGS mit weniger Unbekannten als Gleichungen überbestimmt. Auch in diesen Fällen lässt sich das System systematisch mit dem Gauß-Algorithmus lösen. Statt von einer oberen Dreiecksform sprechen wir hier allgemeiner von einer Zeilenstufenform. Diese liegt vor, wenn in jeder Zeile das erste von Null verschiedene Element weiter rechts liegt als in der darüberliegenden Zeile und wenn alle Einträge unterhalb dieser führenden Elemente jeweils Null sind.

Beispiel: Unterbestimmte LGS

\[\begin{align*} x_1 + 4x_2 + 3x_3 &= 2 \\ 2x_1 + 6x_2 + 8x_3 &= 3 \\ \end{align*}\]

Darstellung in Zeilenstufenform:

\[\begin{pmatrix} 1 & 4 & 3 & | & 2\\ 2 & 6 & 8 & | & 3\\ \end{pmatrix} \quad \begin{matrix} \\ II-2\cdot I \end{matrix}\] \[\begin{pmatrix} 1 & 4 & 3 & | & 2 \\ 0 & -2 & 2 & | & -1\\ \end{pmatrix} \quad \begin{matrix} \\ \quad\quad\quad\quad\quad \end{matrix}\]

Ausgeschrieben erhalten wir:

\[\begin{align*} II:\quad & -2\cdot x_2 + 2x_3=-1 \\ & \text{Wir sehen, dass wir für $x_3$ jede beliebige reelle Zahl vorgeben können, und dann diese Gleichung nach $x_2$ auflösen können.}\\ &x_3=t\text{ mit }t\in\mathbb{R}.\\ &-2\cdot x_2+2\cdot t =-1 \Rightarrow x_2=0,5+t\\ I:\quad & x_1+4(0,5+t)+3t=2 \Rightarrow x_1+2+4t+3t=2 \Rightarrow x_1=-7t \end{align*}\]

Beispiel: Überbestimmte LGS

\[\begin{align*} x_1 + 2x_2 &= 4 \\ 3x_1 + 4x_2 &= 3 \\ 2x_1 + 1x_2 &= 5 \\ \end{align*}\]

Darstellung in Zeilenstufenform:

\[\begin{pmatrix} 1 & 2 & | & 4\\ 3 & 4 & | & 3\\ 2 & 1 &| & 5 \end{pmatrix} \quad \begin{matrix} \\ II-3\cdot I\\ III-2\cdot I \end{matrix}\] \[\begin{pmatrix} 1 & 2 & | & 4\\ 0 & -2 & | & -9\\ 0 & -3 &| & -3 \end{pmatrix} \quad \begin{matrix} \\ \\ 3\cdot II-2\cdot III \end{matrix}\] \[\begin{pmatrix} 1 & 2 & | & 4\\ 0 & -2 & | & -9\\ 0 & 0 &| & -21 \end{pmatrix} \quad \begin{matrix} \\ \\ \quad\quad\quad\quad\quad \end{matrix}\]

Ausgeschrieben erhalten wir:

\[III:\quad 0=-21 \Rightarrow\text{falsche Aussage}\]

Das LGS hat also keine Lösung.

Zusammenfassung

Die letzten beiden Beispiele verdeutlichen zusammen mit den zu Beginn betrachteten LGS den generischen, also häufigen, jedoch nicht ausnahmslosen Fall.

  • Quadratisches LGS, d.h. Anzahl Gleichungen = Anzahl Unbekannte: eine eindeutige Lösung
  • Unterbestimmtes LGS, d.h. Anzahl Gleichungen < Anzahl Unbekannte: unendlich viele Lösungen
  • Überbestimmtes LGS, d.h. Anzahl Gleichungen > Anzahl Unbekannte: keine Lösung

Wichtig: Wie wir bereits gesehen haben, können aber auch LGS mit der gleichen Anzahl an Gleichungen und Unbekannten unendlich viele oder auch keine Lösung besitzen. Ähnliches gilt für unter- und überbestimmte LGS. Eine systematische Untersuchung dieser Fälle erfolgt im nächsten Abschnitt.

Das Rangkriterium

Mit Hilfe des Rangkriteriums können wir systematisch angeben, wie viele Lösungen ein LGS besitzt. Zunächst benötigen wir die Definition des Rangs einer Matrix: Eine Matrix liege in Zeilenstufenform vor. Dann heißt die Anzahl der Zeilen, in denen nicht alle Elemente 0 sind, Rang von $A$, in Kurzschreibweise $rg(A)$. Diese Defintion ist anwendbar auf gewöhnliche Koeffizientenmatrizen, z.B.

\[A= \begin{pmatrix} -4 & 5 & 0\\ 0 & 8 & 1\\ 0 & 0 & 0 \end{pmatrix}\]

als auch auf erweiterte Koeffizientenmatrizen, z.B.

\[(A\mid y)= \begin{pmatrix} -4 & 5 & 0 & | & 2\\ 0 & 8 & 1 & | & 0\\ 0 & 0 & 0 & | & 1 \end{pmatrix}.\]

In diesen Beispielen ist $rg(A)=2$, da die letzte Zeile von $A$ nur aus Nullen besteht, und $rg(A\mid y)=3$, da alle drei Zeilen von $(A\mid y)$ von 0 verschiedene Elemente haben.

Satz

Wir betrachten das LGS $(A\mid y)$. Die Anzahl der Spalten von $A$, d.h. die Anzahl der Unbekannten, bezeichnen wir mit $n$. Dann gilt für die Anzahl der Lösungen:

  • $rg(A)=rg(A\mid y)=n$: eine eindeutige Lösung
  • $rg(A)=rg(A\mid y)<n$: unendlich viele Lösungen
  • $rg(A)<rg(A\mid y)$: keine Lösung